Graue Maus vor weißer Wand: Mein 2016

Wie ich hier gerade am Schreibtisch sitze, über das vergangene Jahr nachdenke und die Wand über meinem Monitor anstarre, fällt mir auf, dass sie weiß ist. Also die Wand. Gar nicht üblich für mich! Ich mag knallige Farben um mich herum. Die Weihnachtsferien habe ich im Farbrausch mit Streichen verbracht. Da war von “Amarena Kirsch” für die Essecke bis “Golden Bamboo” fürs Elternschlafzimmer alles dabei, und zuletzt habe ich eine Ritterburg ins Kinderzimmer tapeziert. Ich! Tapeziert! Dabei hätte ich noch vor einem halben Jahr Stein und Bein geschworen, tapezieren sei der Inbegriff der Spießigkeit, ungefähr auf einer Stufe mit Bügeln. Doch an den Vliestapeten à la Ritterburg von AS Création konnte ich im Baumarkt nicht vorbeigehen. Die sind einfach perfekt für die verschmierte, verkritzelte Wand hinter dem Bett eines Sechsjährigen! Das Tapezieren hat mir leider ziemlich viel Spaß gemacht. Okay, dann bin ich jetzt halt ein Spießer. Diese Ritterburg-Wand ist gar nicht so schlecht geworden, vor der mache ich ab sofort meine Näh-Fotos … apropos Nähen: Seit ich die Vorzüge von geraden Kleidersäumen zu schätzen gelernt habe, bügle ich auch hin und wieder. Doppelspießer! Vielen Dank an dieser Stelle an meine liebe Mama für die Fotos. Meine Smartphone-Kamera ist ja nicht der Hit, aber meine Mama immer.

In der Werbebranche, wo ich mich als Studentin rumgetrieben habe, ist die weiße Wand ja sowas wie das Butterbrot des Geistes. Nix da mit “Golden Bamboo”, Ritterburgtapete oder gar lustigen Schnappschüssen vom Hund. Die kahle weiße Bürowand muss es sein. Ohne die fällt den Advertising Managern und Creative Directors und wie sie alle heißen nix ein. Habe ich das unbemerkt, unbewusst übernommen? An der weißen Wand über meinem Schreibtisch hängen nur zwei Dinge: Ein Schmierzettel mit Notizen zum aktuellen Buch und eine Zeichnung aus Teenagerzeiten, der “Daumen des Grauens”.

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Daumen hoch, ich hatte schon mit fünfzehn einen skurrilen Humor. Daumen runter, das ist auch schon wieder fast zwanzig Jahre her, ohgottohgott … aber ich bin mal wieder abgeschweift. Ich wollte ja das Jahr 2016 Revue passieren lassen! Viel habe ich geschafft, noch mehr war ich geschafft: Ein Umzug mit drei Kindern, monatelange Renovierungsarbeiten, trotzdem das zweite Buch rausgebracht und das dritte fast fertig gekriegt. Ehemann derweil ungefähr zwanzig Stunden täglich im neuen Job gefordert. Ständig reihum alle krank gewesen, Auto kaputt gegangen. Eine Tante beerdigt und eine Nichte bekommen. Kurz, das pralle Leben halt. Es war sooo anstrengend und wild und schön und traurig und bunt und – schwupps! – schon wieder vorbei.

Mein Lieblingsoutfit in der Rückschau ist daher dieses: Mein Hausanzug, bestehend aus allerlei Resten. Die drei Kuschelteile, mit denen ich durchaus auch morgens mal zum Kindergarten schlurfe. Sie sind teilweise arg zusammengestückelt und daher vielleicht nicht zum Angeben geeignet, aber dafür hervorragend zum Seele wärmen. Unser Kater Klaus findet das auch, wie man sieht. Die alte Rampensau!

Nicht besonders bunt und weder schwarz noch weiß, sondern grau. Grau geht immer. Grau steht am Anfang und am Ende der Farbskala, es birgt einen Kern von allen Farben in sich. Grau ist für mich die Farbe der Möglichkeiten. Grau wie der Nebel, der sich über die Vergangenheit legt, und Grau wie die Dämmerung an jedem neuen Morgen. Aus einem neuen Tag, aus diesem neuen Jahr kann noch alles werden. Ich glaube, grau wird auch die Wand über meinem Schreibtisch.

Hier noch ein Detail vom Rücken, das nicht so gut geklappt hat: Die ungenau angenähte Spitze. Klaus findet es trotzdem entzückend. Es war von Anfang an keine gute Idee, sich als bevorzugt dunkel gekleidete Frau einen knallorangen Tigerkater zu holen. Aber Klaus brauchte nun mal dringend einen neuen Platz, und er dankt es uns mittlerweile seit sieben Jahren mit ganz, ganz großer Zuneigung. Er schläft auch bevorzugt auf unserer dreckigen Wäsche, was einerseits gut ist, weil ich dann seine vielen Haare gleich wieder wegwaschen kann, andererseits irgendwie spooky. Hat sonst noch jemand eine Fetischistenkatze, die auf getragene Menschenwäsche steht?

Schnitte: “My cuddle me” von Schaumzucker, Jacke jErika von Prülla als Pulli mit Freestyle-Kragen (weil ich keine Kapuzen mag), Hose nach irgendeiner Ottobre

Material: Sommersweat schwarz und grau gemustert von Stoffmarktonline, rosa Ringelbündchen von Stoffe.de, Alpenfleece von einer Freundin und der Partenkirchner Nähstube, schwarze Spitzenborte, gestreifter Strick und pinkes Bündchen ebenfalls von dort

Kosten: An die drei Meter Stoff zu je ungefähr zehn Euro; ein Meter Bündchen für zwölf Euro – tutti completti dreiteiliger Hausanzug unter fünfzig Öcken

So, jetzt bin ich mal vogelwild und mach bei Top 3 2016 – meistgetragen & selbstgemacht mit. Und beim Me Made Mittwoch, eine Premiere für mich!

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Ach ja, und zu guter Letzt: Frohes Neues nachträglich, ihr wilden graubunten Nähmäuse da draußen!

 

 

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7 thoughts on “Graue Maus vor weißer Wand: Mein 2016

  1. Ich lese diesen Post gerade bei Tee im Lieblingscafé und freue mich. Was du schreibst erinnert mich daran, dass wir alle unser Leben Revue passieren lassen in hoffen ein paar goldene Körner zu finden.

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  2. Herrlich! Ich danke Dir für diesen wunderbaren Rückblick und ein wenig Vorausblick! Und Dein Outfit? Hallo? Nur eines geht wirklich mit drei Kindern – bequem! Und dazu finde ich es richtig gut. Also weiter so in Deinem Leben.
    Liebe Grüße Epilele,
    die heute ihren eigenen Kommentar zum MMM nicht auf die Reihe bekommt. Aber ich bin da ganz zuversichtlich.

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  3. Ja Katzen lieben schmutzige Wäsche zum Schlafen. Unsere Katzen haben extra drei Körbe im Waschraum damit alle Platz haben. Im Winter schauen dann auch noch öfters die Nachbarskatzen vorbei zum Schlafen.
    Lg Sabine Michaela

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