Atombomben sind nur für Erwachsene

Anfang Januar waren wir wie jedes Jahr zum Geburtstagsbesuch bei Schwiegermuttern in Frankfurt, und es bot sich mir die einmalige Gelegenheit, bei TOKO Kurzwaren einzukaufen. Nach drei Tagen ohne Nähmaschine war ich schon total auf Entzug, und beim Betreten der heiligen Hallen im ersten Stock der Schäfergasse habe ich hyperventiliert. Mit zitternden Fingern durchstöberte ich die Regale, denn es musste schnell gehen: Schwiegermutter, Ehemann und drei quäkende Kinder im Schlepptau. Sie waren alle enttäuscht, dass es bei TOKO keine Spielecke gibt. “Das hier ist halt die Spielecke für Mamas”, sagte die Verkäuferin. Wo sie Recht hatte! Wenn wir nicht nach zehn Minuten dringend zum Treff mit den restlichen Frankfurter Angeheirateten verabredet gewesen wären, würde ich heute noch drin sitzen und auf die Glitzer- und Spitzenstoffe sabbern.

So aber konnte ich in der Eile nur ein paar Jerseycoupons für die Kinder (die ersten Coupons meines Lebens! Sowas Neumodisches gibt es halt in Garmisch-Partenkirchen und Umgebung nicht. Hach, wie aufregend!!!) und jeweils einen Meter Streifen-Glitzer-Jersey und schwarzes Kunstleder mitnehmen. Und EINEINHALB Meter dunkelgraues Anker-Bündchen. Anker-Bündchen, dachte ich mir, kann man bestimmt immer und für alle brauchen. Uuuund Rüschen-Pünktchen-Borte. Meine Güte, die Borten- und Bänderabteilung hat mich Landei ja förmlich erschlagen. Ich war ob der riesigen Auswahl echt überfordert, so dass sich meine dreijährige Tochter die Abschlussborte für ihr neues Kleid selbst aussuchen durfte:

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Hätte ich eigentlich auch selbst drauf kommen können. Sie hat halt einen untrüglichen Geschmack. Das Kleid ist das “Dark Drops” aus der Ottobre 6/2016 in Größe 110, und ich habe es komplett nach den Wünschen der Tochter gestaltet. Sie nennt es liebevoll ihr “Mädchenkleid”.

Augenkrebs, was? Aber da bin ich als gestandene Gothmother mittlerweile schmerzfrei. Ich muss es ja nicht anziehen. Hauptsache, das Kind ist froh und trägt es gern … sogar zum Eisschollen besteigen in der Arktis:

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Ich muss zugeben, dass ich die Anleitung zum Halsausschnitt überhaupt nicht kapiert habe. Das sieht man auch, hahaha … aber die Kleine-Prinz-Schleife reißt es wieder raus!

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Naja. Fast. Selbsterkenntnis ist der erste Schritt auf dem Weg zur Nähweisheit, also habe ich gestern gleich noch ein “Dark Drops” aus royalblauem Viscosejersey mit Taillenbund und Ärmelabschlüssen aus Frankfurter Ankerbündchen genäht – und der Halsausschnitt wurde NOCH SCHLIMMER. Das kann ich euch überhaupt nicht zeigen, das ist mir echt zu peinlich, und mir ist nicht viel peinlich. Das muss ich erst umarbeiten. Zur Erheiterung bis dahin eine schöne Kindermund-Anekdote.

*

Auf der schneereichen Heimreise von Frankfurt ins hinterste Oberbayern entspann sich auf der Rückbank folgendes Gespräch zwischen unseren prä-prä-prä-pubertierenden fünf- und sechsjährigen Söhnen:

“Wenn ein Einbrecher kommt, dann hau ich ihn, bis er umfällt.”

“Und ich hau ihn, bis er nix mehr sehen kann.”

“Aber ich hole einen Stock und hau ihm auf die Beine, damit er nicht mehr weglaufen kann.”

“Dann nehm ich halt eine Bratpfanne und hau ihm auf den Kopf.”

“Ich hau ihm aber auch auf den Kopf, mit einem Stein!”

“Brauchst du nicht, weil ich ihn schon totschieße.”

“Dann flieg ich mit dem Hubschrauber in die Luft und schmeiß ihm eine Atombombe drauf!”

Da mischt sich die kleine Schwester ein, die sich bis dahin still aus ihrem Sitzgurt zu befreien versuchte:

“Nein, das geht nicht. Atombomben sind nur für Erwachsene!”

*

Wo sie Recht hat. Im Moment wünsche ich mir, eine Atombombe auf sämtliche von mir verbrochenen pseudoamerikanischen Halsausschnitte zu werfen.

Schnitt: Kleid “Dark Drops”, Ottobre 6/2016

Material & Kosten: Alles Jerseyreste von einer Freundin aus Österreich, mit der ich ab und zu Reste tausche. 1 Meter Bommelborte von TOKO 2,90 Euro, wenn ich mich recht erinnere. Ich hätte eigentlich 1 Meter 20 gebraucht, aber so hält es den labbrigen Rock besser zusammen 😉 Trotzdem, der Schnitt gefällt mir. Ich werde bestimmt noch einige “Dark Drops” nähen. Jedenfalls so viele, bis das mit dem Ausschnitt klappt.

Verlinkt bei Made4Girls

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